1.Lessons learned: Extrem-Zonen-Modell im Stadt-X-Pflegepilot
1.1.Kontext und Forschungsfrage
In „Stadt X“ soll ein Weighted-Time-System (WT) den Pflegesektor fairer, gesünder und resilienter machen. Die Leitidee: Tätigkeiten mit höherer Belastung, höherem Risiko und größerer Knappheit sollen überproportional Zeit- und Sicherheitsgewinne bringen, statt ausschließlich monetär kompensiert zu werden.
Aktueller Realitätsanker (Deutschland, Pflegebedarf): Nach Destatis waren zum Jahresende 2023 knapp 5,7 Millionen Menschen pflegebedürftig (SGB XI) – ein deutlicher Anstieg gegenüber 2021. Das ist kein Detail, sondern die „Last“, gegen die jede Modellannahme zur Stundenbilanz plausibilisiert werden muss.
Wir untersuchen ein Modell mit drei WT-Zonen:
- Zone A – Normal: Helfer:innen, Basispflege, geringere Belastung.
- Zone B – Hoch: ambulante Pflege mit mittlerer Belastung.
- Zone C – Extrem: Intensivpflege, Nacht- und Hochrisiko-Schichten.
Zentrale Forschungsfrage:
Kann eine Extrem-Zone C gleichzeitig:
– hohe Belastung fair kompensieren,
– Burnout systematisch vermeiden
– und verhindern, dass in Zone A eine „unsichtbare Unterklasse“ entsteht?
Die Simulation ist bewusst als Gedankenexperiment angelegt: Die Zahlen sind plausibilitätsorientiert, nicht empirisch kalibriert. Sie dienen dazu, logische Bruchstellen im Design sichtbar zu machen.
Präzisierung (Warum „Pflege“ als KRITIS-nah gedacht werden kann): „Gesundheit“ ist als KRITIS-Sektor definiert; Ausfälle können nachhaltig wirkende Versorgungsengpässe und erhebliche Störungen verursachen. Zudem bestehen sektorübergreifende Abhängigkeiten (u.a. Energie, Wasser, IT). Das ist für die Modelllogik relevant, weil Burnout/Kapazitätsausfall in Zone C nicht isoliert bleibt, sondern in Kaskaden gedacht werden muss.
1.2.Ausgangshypothese (v0.1)
1.2.1.Grundidee: WT-Formel und Cap
- Einführung einer WT-Zeitökonomie neben dem Euro.
- Jede Stunde Arbeit erzeugt WT, gewichtet nach fünf Faktoren:
- Belastung
- Risiko
- Knappheit
- Qualifikation
- Gemeinwohlbeitrag
- Schematische Formel:
mit Skalen von 1–10 pro Faktor.
- Zusätzlich:
- Mindestwert (z.B. 1 WT/h), damit niemand unter einen definierten Sockel fällt.
- Maximalwert (Cap) (z.B. 5 WT/h), um Ausbeutung zu begrenzen und Extremwerte abzuschneiden.
Präzisierung (Skalenbruch als bewusster Evolutionsschritt): Diese v0.1-Skala (1–10, fünf Faktoren) ist ein frühes, didaktisches Setup. Spätere Sandbox-Versionen nutzen bewusst kompaktere Skalen (z.B. 1–3) und zusätzliche Strukturgrößen (Zeitkritikalität/Substituierbarkeit), weil sonst (a) Caps die Steuerungswirkung dominieren und (b) Mess-/Proxy-Qualität schwer auditierbar wird. Der „Skalenwechsel“ ist daher kein Stilbruch, sondern eine Governance-Entscheidung.
1.2.2.Erste Beispielrechnung
Persona 1: Nachtschicht Intensivpflege (Zone C)
- Belastung = 9
- Risiko = 8
- Knappheit = 9
- Qualifikation = 8
- Gemeinwohl = 7
→ durch Cap gekappt auf 5 WT/h.
Persona 2: ambulante Tagespflege (Zone B)
- Belastung = 5
- Risiko = 3
- Knappheit = 4
- Qualifikation = 6
- Gemeinwohl = 5
Delta: 5 vs. 4,65 WT/h → nur ~7 % Unterschied, trotz massiv höherer Belastung und Risiko.
1.2.3.Erste Probleme (v0.1)
- Viele anspruchsvollere Tätigkeiten stoßen direkt an den Cap → Steuerungswirkung der Formel wird klein.
- Extrem-Jobs sind nur geringfügig besser gestellt, obwohl der gesundheitliche Schaden deutlich höher ist.
- Normativ unklar:
- Sollen Extrem-Jobs langfristig attraktiv gemacht werden?
- Oder sollte das System die Nachfrage nach solchen Schichten mittelfristig reduzieren, nicht vergolden?
Präzisierung (Cap als „harter Kompressor“): Das Beispiel zeigt: Sobald ein Cap aktiv wird, werden Unterschiede in der Top-Zone „komprimiert“. Ein Cap ist wichtig gegen Überanreize, aber er darf nicht die gesamte Regelung dominieren. In späteren Varianten wird daher typischerweise ein Teil der Kompensation in Zeitpuffer/Sicherheitsgewinne (Rotation, lebenslange Pflichtstundenreduktion, Regenerationsfenster) verschoben, statt nur WT/h zu erhöhen.
1.3.Re-Design: Zonen mit klarem Zeitboden (v0.2)
Wir wechseln von „Formel-Feintuning“ zu Zonen mit expliziten Zielbildern.
1.3.1.Zeitboden und normatives Ziel
- Zeitboden: 200 WT/Monat = sichere Grundversorgung (Miete, Essen, Grundsicherheit + minimaler Puffer).
- Normatives Ziel: Jede Zone soll den Boden mit einer fairen Obergrenze an Wochenstunden erreichen können:
- Zone A (Normal): max. 25 Std/Woche
- Zone B (Hoch): max. 20 Std/Woche
- Zone C (Extrem): max. 15 Std/Woche
Wir rechnen rückwärts:
Bei 4 Wochen/Monat:
- A: 25 Std/Woche → 100 Std/Monat
- B: 20 Std/Woche → 80 Std/Monat
- C: 15 Std/Woche → 60 Std/Monat
Damit erreichen alle drei Personas mit unterschiedlicher Belastung denselben Boden (200 WT/Monat), aber mit unterschiedlich viel Arbeitszeit: Zone C braucht am wenigsten, Zone A am meisten.
Präzisierung (Regulatorischer Realitätsanker in Krankenhäusern): Für besonders pflegesensitive Krankenhausbereiche existieren Pflegepersonaluntergrenzen (PpUGV). Gleichzeitig sind Ausnahmen vorgesehen ( z.B. bei starken Patientenzahl-Erhöhungen wie Epidemien/Großschadensereignissen). Für das Modell ist das relevant: Gerade in Extrem-Settings (Zone C) ist die reale Welt bereits ein Trade-off aus Mindeststandards und Krisenausnahmen — exakt das, was Stress-Szenarien in WT sichtbar machen sollen.
1.3.2.Beispiel: Ziel 300 WT/Monat (150 % Boden)
Angenommen, Personen zielen auf 150 % Boden (300 WT/Monat), z.B. für Rücklagen oder Schuldenabbau.
- A (2 WT/h):
- B (2,5 WT/h):
- C (3,33 WT/h):
Interpretation:
- Alle erreichen denselben monetären Zielwert (300 WT/Monat),
- aber C braucht deutlich weniger Stunden als A,
- und A muss wesentlich mehr arbeiten, um B/C einzuholen.
1.4.Burnout-Szenario und systemische Schieflagen
1.4.1.Burnout in Zone C
Wenn C deutlich weniger Stunden für denselben Ziel-WT benötigt, entsteht ein starker struktureller Anreiz:
- Kurzfristig: „Gehe in C, arbeite weniger Stunden, baue schneller Schulden ab.“
- Mittelfristig: soziale Norm „Wer etwas erreichen will, muss durch C.“
Konsequenzen:
- Viele Menschen bleiben länger in C, als gesundheitlich tragbar ist.
- Rotationsregeln (z.B. max. 5 Jahre C, dann Pause) werden politisch verwässert oder informell umgangen – weil das System auf die hohen WT/h angewiesen ist.
- Burnout-Raten in C steigen; Ausfälle häufen sich; die Belastung wird auf eine schrumpfende Restgruppe verteilt.
Präzisierung (Engpass-Umfeld als Verstärker): Die BA ordnet Pflege- und Gesundheitsberufe weiterhin zu den Berufen mit den stärksten Engpässen ein. Für das Modell heißt das: Sobald Zone C „attraktiv“ wird, steigt nicht automatisch die verfügbare Kapazität, weil Engpässe typischerweise auf Ausbildungs-/Einarbeitungszeiten und Poolgröße zurückgehen. Das ist genau die Definition von „geringer Substituierbarkeit“ (in späteren Skalen: hohes s).
1.4.2.Neue Unterklasse in Zone A
Die gleiche Logik erzeugt „von unten“ ein zweites Problem:
- Helfer:innen in A müssen bei 2 WT/h deutlich mehr Stunden leisten, um auf 300 WT/Monat zu kommen.
- Wer aus gesundheitlichen Gründen, wegen Care-Pflichten oder fehlender Qualifikation nie in C arbeiten kann, hängt strukturell hinterher.
Das Modell produziert damit:
- eine kleine, überlastete Hochrisiko-Gruppe in C als schnelle Aufsteiger:innen,
- und eine große Gruppe in A, die trotz unverzichtbarem Beitrag dauerhaft mehr arbeiten muss.
1.4.3.Metabolismus von Stadt X
Zusätzlich zur individuellen Ebene stellen sich Fragen auf Systemebene:
- Im Gedankenexperiment wurden zeitweise 100 Pflegekräfte auf 1000 Einwohner angenommen – deutlich mehr als realistisch.
Die Simulation überschätzt damit die verfügbare professionelle Pflegezeit. - Gleichzeitig bleiben andere „Organe“ des Stadt-Superorganismus (Bildung, Energie, Ernährung, Infrastruktur) unterdefiniert.
- In Summe ist unklar, ob die Stunden in A/B/C ausreichen, um den realen Pflegebedarf zu decken, ohne chronische Unterversorgung oder Überlastung anderer Sektoren.
Präzisierung (Pflegebedarf ist in großen Teilen „zu Hause“ und damit systemisch unsichtbar, wenn nicht modelliert): Die amtliche Pflegestatistik zeigt in den Ländern konsistent: Ein großer Teil der Pflege findet vorwiegend zu Hause statt (häufig durch Angehörige, Pflegegeld). Beispiel Baden-Württemberg (Pflegestatistik 2023): rund 85 % vorwiegend zu Hause, davon ein großer Teil ausschließlich Pflegegeld/Angehörigenpflege. Das stützt die Designforderung, Care-Zeit nicht „außerhalb“ des Systems zu lassen, sonst entsteht eine unterschätzte, nicht kompensierte Last.
Präzisierung (Kaskaden-/KRITIS-Aspekt): Gerade weil Gesundheit KRITIS-nah ist, muss das Modell explizit abbilden, wie Ausfälle (Burnout, Personalmangel, IT-Störungen) in Abhängigkeit zu Energie/Wasser/IT wirken. BSI und BBK betonen diese sektorübergreifenden Abhängigkeiten im Gesundheitsbereich.
1.5.Lessons learned (kondensiert)
Extrem-Zonen taugen nicht als Dauerkarriere
Zone C darf nicht als langfristiger „schneller Aufstiegsweg“ angelegt sein. Sie muss als kurze Spitzenphase mit strengen Gesundheitschecks, Pflichtpausen und Life-Time-Limits definiert werden.Zeitboden muss für alle Zonen fair erreichbar sein
Ein fester Boden ist nur dann gerecht, wenn Helfer:innen in A ihn mit realistisch begrenzten Stunden erreichen können. B/C sollten vor allem Lebenszeit, Sicherheit und Stabilität bringen, nicht primär Konsumspitzen.Keine unsichtbare Unterklasse in A
Wenn A dauerhaft mehr Stunden leisten muss, um denselben Boden zu erreichen wie B/C, entsteht eine neue Unterklasse im System – nur in anderem Gewand. Die Zonenlogik muss so kalibriert sein, dass A langfristig nicht chronisch „hinterherläuft“.Burnout als harte Charta-Verletzung
Hohe Burnout-Raten in C sind kein Kollateralschaden, sondern ein Indikator für die Verletzung von Grundrechten (Gesundheit, Unversehrtheit). Burnout- und Ausfallindikatoren müssen Teil der Feedbackregeln sein (vgl. Teil V).Superorganismus braucht eine Gesamt-Stundenbilanz
Es reicht nicht, einen Sektor (Pflege) im WT-System zu optimieren. Jede Zonenlogik muss in eine Gesamtbilanz der Arbeitsstunden von Stadt X eingebettet werden (Pflege, Bildung, Energie, Ernährung, Infrastruktur).Unsichtbare Care-Arbeit einpreisen
Ein relevanter Teil von Pflege findet unbezahlt im Haushalt statt. Wenn diese Care-Arbeit nicht mit WT sichtbar und bewertet wird, bleiben strukturelle Ungerechtigkeiten – insbesondere zulasten von Frauen – bestehen.
Präzisierung (Pflegebedarf-Dynamik als Grund für „v0.3 nötig“): Wenn die Zahl der Pflegebedürftigen schneller steigt als rein demografisch erwartbar, verschiebt sich der Systemdruck: Das WT-Design muss nicht nur „fairer verteilen“, sondern die Resilienz unter steigender Last beweisen (sonst wird C faktisch zur Dauerzone).
1.6.Skizze für v0.3 und Rolle von KI-Simulationen
Aus diesen Lessons ergeben sich Korrekturen und nächste Untersuchungsschritte:
Zone C als Kurzzeit-Organ
- Max. 3 Jahre am Stück, 6–8 Jahre im Leben.
- Obligatorische Health-Checks, danach verpflichtende Phasen in B/A.
- WT-Vorteile teilweise in langfristige Zeitpuffer umwandeln (lebenslange Reduktion der Pflichtstunden statt Monats-Einkommensspitzen).
Floor-Kalibrierung von Zielbildern her
- Zuerst definieren: „Wie viele Stunden pro Woche sollen A/B/C maximal arbeiten müssen, um sicher zu leben?“
- Erst danach WT/h daraus ableiten (statt umgekehrt) und gegen Charta-Prinzipien testen.
Care-Vollbilanz für Stadt X
- Kombination aus professioneller Pflege (A/B/C) und Angehörigenpflege in einem gemeinsamen WT-Budget.
- Sicherstellen, dass die Gesamtstunden realistisch sind und keine chronische Unterversorgung entsteht.
KI-gestützte Parametervarianten
- Künftige Arbeitsschritte können systematisch von KI unterstützt werden:
- Variation von Zonenparametern (WT/h, Zeitboden, Caps, Rotationslimits),
- Simulation verschiedener Personas und Bevölkerungsstrukturen,
- automatische Erkennung von Bruchstellen (z.B. Überlastung, Ungleichheitsprofile, sektorale Unterversorgung),
- Vorschlag von alternativen v0.3+-Designs unter Einhaltung der Charta.
- Künftige Arbeitsschritte können systematisch von KI unterstützt werden:
Präzisierung (Datenanker für v0.3-Kalibrierung, ohne „Realbetrieb“):
- Pflegestatistik (Destatis/Statistische Ämter): Pflegebedürftige, Versorgungskontexte (ambulant/stationär/Pflegegeld) als Last- und Strukturparameter.
- Engpassindikationen (BA): Pflege-/Gesundheitsberufe als Engpassumfeld → Proxy für geringe Substituierbarkeit und lange Reaktionszeiten.
- Mindestpersonalregeln (BMG, PpUGV): Realwelt-Constraint und Krisenausnahmen → Stress-Test-Parameter für Zone C.
- KRITIS-Abhängigkeiten (BSI/BBK): Kaskadenmodellierung zwischen Gesundheit, IT, Energie, Wasser.
Diese v0.3-Skizze ist kein fertiges Modell, sondern eine nächste Hypothese, die wiederum gegen Charta und Teil V getestet und durch weitere Szenarien (auch in anderen Sektoren) ergänzt werden muss.
1.7.Verknüpfte Kapitel
1.8.Quellenanker (Stand: 2025-12-31)
- Destatis – Pflege (5,7 Mio. Pflegebedürftige Ende 2023; Pressemitteilung/Übersicht):
https://www.destatis.de/DE/Themen/Gesellschaft-Umwelt/Gesundheit/Pflege/_inhalt.html - Bundesagentur für Arbeit – Presseinfo zur Engpasslage 2024 (Pflege-/Gesundheitsberufe mit stärksten Engpässen):
https://www.arbeitsagentur.de/presse/2025-25-qualifizierte-fachkraefte-weiterhin-gesucht - BMG – Pflegepersonaluntergrenzen (PpUGV, Ausnahmen bei Epidemien/Großschadensereignissen):
https://www.bundesgesundheitsministerium.de/service/begriffe-von-a-z/p/pflegepersonaluntergrenzen.html - BSI – KRITIS-Definition und Sektor Gesundheit (kritische Dienstleistungen; Abhängigkeiten):
https://www.bsi.bund.de/DE/Themen/Regulierte-Wirtschaft/Kritische-Infrastrukturen/Allgemeine-Infos-zu-KRITIS/allgemeine-infos-zu-kritis_node.html https://www.bsi.bund.de/DE/Themen/Regulierte-Wirtschaft/Kritische-Infrastrukturen/Sektorspezifische-Infos-fuer-KRITIS-Betreiber/Gesundheit/gesundheit.html - BBK – KRITIS-Sektor Gesundheit (Einordnung, sektorübergreifende Abhängigkeiten):
https://www.bbk.bund.de/DE/Themen/Kritische-Infrastrukturen/Sektoren-Branchen/Gesundheit/gesundheit.html
