1.WT-Zeitwirtschaft als Evolutionsstufe von Information zu Koordination
Diskussionsvorlage (kompakt, 1–3 Seiten)
Wie aus Daten ein demokratisch legitimierter Regelkreis wird, der Kooperation systematisch attraktiver macht als, seine Mitmenschen auszunutzen, wie es im jeder Geldwirtschaft der Fall ist.
1.1.Ausgangspunkt und These
Wir leben in einer Welt mit nahezu unbegrenzter Informationsproduktion, aber begrenzter Koordinationsfähigkeit. Daten über Klima, Gesundheit, Infrastruktur, Bildung, Sicherheit und Märkte existieren in hoher Auflösung – dennoch bleiben die gesellschaftlichen Ergebnisse oft instabil, unfair oder ökologisch destruktiv. Der Grund ist weniger „Wissensmangel“ als ein strukturelles Problem: Signale und Anreize sind entkoppelt von Systemkosten. Das hat schon mehrmals in der Geschichte der Geldwirtschaft zu Zusammenbrüchen geführt.
These: Das WT-Modell (Zeitwirtschaft mit gewichteten Zeit-Token) kann als Evolutionsstufe verstanden werden: von „Information als Bericht“ hin zu „Information als Regelkreis“. WT ist dabei kein rein technisches System und kein Ersatz für Demokratie, sondern ein Koordinationsprotokoll, das messbare Signale in legitime, überprüfbare Allokationsregeln übersetzt – mit eingebauten Sicherheits- und Anti-Gaming-Mechanismen.
1.2.Problemdefinition: Warum Information allein nicht reicht
1.2.1.Daten sind nicht gleich Signale
Viele Daten sind unvollständig, manipuliert, proprietär, nicht vergleichbar oder nicht zu auditieren. Schon allein zu versuchen, Daten über Vermögenszuwachse der einzelnen Dezile über die letzten 50 Jahre zusammenzustellen und zu vergleichen, stellt sich als äußerst frustrierend heraus, weil manche Daten schlichtweg nie erhoben wurden. Ohne Standards und Verifikation wird Information zu einem Rauschen, das Interessengruppen selektiv für sich ausnutzen.
1.2.2.Signale sind nicht gleich Feedback
Selbst gute Kennzahlen bleiben wirkungslos, wenn sie keine Rückkopplung auslösen. Ein System lernt nur, wenn Signale logische Konsequenzen haben (Priorisierung, knappe Ressourcen, Belohnung, Sanktion).
1.2.3.Feedback ist nicht gleich faire Allokation
Aktuelle Preis- und Profit-Signale gewichten oft das Falsche: kurzfristige Rendite, Externalisierung, Machtvorteile, Monopoleffekte. Gesellschaftliche Grundlast (Pflege, Bildung, Infrastruktur, Sicherheit) wird strukturell unterbewertet, obwohl sie die Systemstabilität trägt. Gerade Bildung würde dazu führen, dass die Resilienz (psychische Widerstandskraft; Fähigkeit, schwierige Lebenssituationen ohne anhaltende Beeinträchtigung zu überstehen) der Menschheit dauerhaft verbessert werden würde.
1.3.Kernidee WT: Ein Koordinationsprotokoll auf Basis von Zeit
1.3.1.Warum Zeit als Basiswährung
Zeit ist universell, gleich verteilt im Tagesbudget und nicht beliebig akkumulativ reproduzierbar wie Kapital. Wenn ein System Gerechtigkeit und Resilienz priorisiert, ist Zeit ein geeigneter Anker: Sie macht Arbeits- und Lernaufwand, Belastung und Verantwortung sichtbar, ohne automatische Renditen-Logiken zu importieren. Wenn man eine Faktorisierung vorsieht, die in sich logisch und schlüssig den „Wert für die Gesellschaft“ widerspiegelt, die mit Caps und Floors arbeitet, bleibt das „Spiel“ auf Dauer fair.
1.3.2.„Gewichtete“ Zeit statt „gleiche“ Zeit
Nicht jede gesellschaftlich notwendige Tätigkeit hat die gleichen Eintrittskosten und Systemfolgen. Ein WT-Ansatz unterscheidet daher Faktoren, die im Diskurs bereits angelegt sind (und später formalisiert werden können), etwa:
- Qualifikations-/Lernkosten (q): reale Lern- und Übungszeit, Komplexität, Zertifizierung.
- Risiko/Haftung/Verantwortungsfolgen (s): Schadenspotenzial bei Fehlern, Verantwortung für Dritte.
- Belastung/Stress/Arbeitsbedingungen (t): Schichtarbeit, psychische/physische Last, Exposition.
- Gemeinwohlkritikalität (g): Systemrelevanz, Engpasscharakter, Resilienzbeitrag.
- Knappheit (n): Welcher Need wird in Zyklus X erwartet? Priorisierung bei Pandemie?
WT ist dann die transparente Regel, wie diese Faktoren in eine Gewichtung übersetzt werden, die Anreize korrigiert: gesellschaftlich kritische, anspruchsvolle oder belastende Tätigkeiten werden nicht moralisch gelobt, sondern strukturell so gestellt, dass sie attraktiv, fair und ausreichend besetzt sind.
Als schematische Formel würde das beispielsweise wir folgt aussehen:
mit Werten z.B. von 1 bis 3 pro Faktor. Die genaue Bestimmung könnte man mittels Simulation und KI austüfteln lassen, um stabile Anfangsfaktoren zu bekommen. Es würden dann außerdem bestimmte Min/Max-Werte existieren müssen.
- Mindestwert (z.B. 1 WT/h), damit niemand unter einen definierten Sockel fällt.
- Maximalwert (Cap) (z.B. 13 WT/h), um Ausbeutung zu begrenzen und Extremwerte abzuschneiden.
1.3.3.Entscheidender Unterschied zu „Planwirtschaft“
WT ist kein zentraler Masterplan, sondern ein Regelwerk, das lokale Autonomie mit globalen Leitplanken kombiniert:
- lokal: Bedarfsermittlung, Priorisierung, Ausgestaltung (polyzentrisch)
- global: Grenzwerte, Mindeststandards, Audit-Regeln, Transparenzanforderungen (Charta)
Dabei ist entscheidend, dass das Protokoll das gleiche sein muss, um die Vernetzbarkeit der verschiedenen Knoten (Rahmen) immer weiter gewährleisten und als Redundanz in die Berechnungen einbeziehen zu können. Nur so klappt eine komplette Grundversorgung - aller Menschen - ohne Überproduktion und Verschwendung bei gleichzeitigem Erhalt der aktuellen Standards.
1.4.Gamification als Sicherheits- und Motivationslayer (Skill-Tree + Bug-Bounty-Logik)
1.4.1.Skill-Tree: Bildung als Upgrade-Mechanik ohne Herkunftsbarriere
Wenn Bildung kostenlos ist, wird Fortschritt weniger durch Startkapital gebremst und stärker durch reale Lern- und Übungszeit. Das entspricht einer Skill-Tree-Logik: Wer investiert (Zeit, Übung, Zertifizierung), kann Aufgaben mit höherer Verantwortung übernehmen und erhält entsprechend höhere Gewichtung. Das ist nicht „Gamification um der Gamification willen“, sondern eine verständliche Metapher für transparente Aufstiegslogik ohne nepotistische Abkürzungen. Nepotismus, auch Vetternwirtschaft genannt, ist die übermäßige Bevorzugung von Verwandten oder engen Freunden bei der Vergabe von Ämtern, Stellen oder Vorteilen, oft ohne Rücksicht auf deren tatsächliche Eignung, was zu unfairen Vorteilen zulasten der Organisation führt.
1.4.2.Bug-Bounty-Prinzip: Fehler melden soll rationaler sein als ausnutzen
Ein robustes System muss „Defection“ (Ausnutzen von Regeln, Korruption, Manipulation) antizipieren. Ein funktionierender Sicherheitslayer ist, Anreize so zu setzen, dass das Melden von Schwachstellen attraktiver ist als deren Missbrauch.
Analogie: In der IT-Security setzen Unternehmen Bug-Bounty-Programme ein, um Sicherheitslücken gemeldet zu bekommen, statt dass sie im Geheimen ausgenutzt werden. Übertragen auf WT bedeutet das ein „Civic-Bounty“-Layer:
- Ziel: Regel- und Messfehler früh finden, offenlegen, beheben.
- Mechanik: Wer eine nachweisbare Schwachstelle meldet (z.B. Messfehler, Manipulationspfad, Incentive-Bug), erhält eine definierte Belohnung (Bounty).
- Abschreckung: Wer dieselbe Schwachstelle ausnutzt oder verdeckt hält, riskiert Sanktionen, die signifikant über der Bounty liegen.
- Ergebnis: Das System nutzt klassische Verhaltensökonomie („Belohnungssystem“), um Integrität zu stabilisieren.
Wichtig: Das ist kein Aufruf, Sicherheitslücken zu „testen“, sondern ein Governance-Konzept. Es soll verantwortungsvolles Melden institutionalisieren, nicht das Suchen und Ausnutzen von Schwachstellen fördern.
1.4.3.Umsetzung als Sicherheitsarchitektur (konzeptionell)
- Meldekanal mit Schutz: klare, sichere Wege zur Meldung; Schutz vor Repressalien (Whistleblower-Logik).
- Triage und Verifikation: unabhängige Prüfinstanz (rotierend, transparent, auditierbar), die Meldungen bewertet.
- Schweregrad-Bewertung: standardisierte Einstufung (Impact, Ausnutzbarkeit, Reichweite), daraus leitet sich die Bounty ab.
- „Safe Harbor“ für Meldende: wer verantwortungsvoll meldet, wird nicht bestraft; wer ausnutzt, wird sanktioniert.
- Öffentliche Lernschleife: nach Fix Veröffentlichung als Lernfall (ohne personenbezogene Details), damit das System messbar besser wird.
1.5.Anti-Gaming und Datenschutz: Bedingungen für gesellschaftliche Akzeptanz
WT wird nur dann diskutierbar, wenn es nicht als „Überwachung“ oder „Stasi-Mechanik“ wahrgenommen werden muss. Daher sind Mindestbedingungen zentral:
- Datenminimierung: so wenig personenbezogene Daten wie möglich; Fokus auf aggregierte Signale.
- Transparenz der Regeln: die Gewichtungslogik muss offen, verständlich, prüfbar sein.
- Auditierbarkeit: unabhängige Prüfungen, Stichproben, öffentliche Fehlerberichte.
- Polyzentralität: keine einzelne Stelle kontrolliert alles; Rollen rotieren; Macht wird verteilt.
- Redress/Appeal: Einspruchswege bei Fehlbewertung, klare Fristen, dokumentierte Entscheidungen.
1.6.Vorschlag für einen Pilot (ohne Systemsturz, ohne Totalumbau)
Ein Pilot sollte klein starten, aber echte Anreiz- und Sicherheitsfragen testen:
- Rahmen: eine Stadt, ein Verband, ein kommunaler Verbund oder ein Campus (klarer Scope).
- Bereich: 1–3 Domänen mit hoher Kritikalität (z.B. Pflege/Grundversorgung, IT-Sicherheit der Verwaltung, Infrastruktur/Wasser).
- Zielmetriken: Besetzungsquote, Fluktuation, Qualitätsindikatoren, Zeit bis Fehlerbehebung, Zufriedenheit, Missbrauchsfälle.
- Governance: lokale Charta, unabhängiges Audit, öffentliches Reporting, Civic-Bounty-Kanal.
- Erfolgskriterium: messbar bessere Resilienz und Fairness bei gleicher oder geringerer Manipulationsanfälligkeit.
1.7.Offene Diskussionsfragen (Einladung zur Kritik)
- Welche Signale sind „minimal genug“, um nützlich zu sein, ohne Überwachung zu erzeugen?
- Welche Faktoren (g, q, t, s) sind legitim, welche gefährlich (Missbrauchsrisiko)?
- Wo liegt die Grenze zwischen fairer Gewichtung und sozialer Stigmatisierung?
- Wie verhindert man, dass Akteure die Messung oder Einstufungen beeinflussen?
- Welche Sanktionen sind notwendig, um Ausnutzen unattraktiv zu machen, ohne drakonisch zu werden?
- Wie muss ein Civic-Bounty-System aussehen, damit es nicht selbst gamed wird?
- Was wäre ein klares Falsifikationskriterium: Wann würden wir sagen „WT funktioniert in dieser Form nicht“?
1.8.Schlussgedanke
Der entscheidende Anspruch dieser Vorlage ist nicht „wir haben die perfekte Zukunft“, sondern: Wenn Information die neue Umweltbedingung ist, braucht Gesellschaft eine neue Evolutionsstufe der Koordination. WT kann als Vorschlag verstanden werden, wie aus Signalen ein demokratisch legitimierter Regelkreis wird – inklusive Sicherheitslayer, der Fehler belohnt zu melden und zu beheben, statt sie auszunutzen. Wer hätte Lust so ein Modell durchzuspielen und beizutragen, was wer auch immer wie wenig beitragen kann? Ziel ist kontinuierliche Verbesserung auch durch Testen möglicher Glitches oder Hacks, wie man bei PC-Spielen.
Gegenwärtig wird man durch Erbschaft Millionär*in und nicht durch unsere hochgelobte Leistungsgesellschaft. Das Anreizsystem, der Allgemeinheit möglichst wenig zurückzugeben und möglichst hohe Profite für sich zu behalten, scheint ein archaisches Relikt aus vergangenen Zeiten, als man noch echte Goldmünzen getauscht hatte. Wird langsam Zeit für ein Upgrade für alle, oder?
