1.Prüfregeln, Feedback und Selbstregulation
Die vorangegangenen Teile dieses Handbuchs beschreiben, wo der proto-Superorganismus Menschheit krank ist und welche Prinzipien für ökologische, soziale und politische Gesundheit gelten sollen. Teil I liefert die Diagnose der multiplen Krisen, Teil II begründet den Rahmen der Menschheit als proto-Superorganismus, Teil III übersetzt diese Perspektive in Rechte und institutionelle Leitplanken und Teil IV skizziert Lösungsräume innerhalb planetarer Grenzen. Dieses Prüfschema ist kein Ersatz für politische Auseinandersetzung, sondern ein Werkzeug, um Machtinteressen, Dummheit und kurzfristige Versuchungen sichtbar zu machen und zu begrenzen.
Teil V stellt jetzt die operative Frage: Wie können Gesellschaften konkrete Maßnahmen so prüfen, steuern und nachjustieren, dass der proto-Superorganismus lernfähig bleibt und sich selbst regulieren kann – statt wie ein Organismus ohne Nervensystem blind in die eigene Zerstörung zu laufen?
Im Zentrum stehen drei Bausteine, die ineinandergreifen: ein generisches Prüfschema für Politiken, Gesetze und Großprojekte; einIndikatorensystem mit offenen Daten als Nervensystem; und Prinzipien einer adaptiven, polyzentrischen Governance, die Lernen und Korrektur tatsächlich ermöglicht. Forschung zu sozial-ökologischen Systemen, Resilienz und adaptive governance – etwa bei Folke et al., Walker et al. und Olsson et al. – liefert dafür einen gut belegten Hintergrund.
Das hier entwickelte Raster ist keine technokratische Ersatzverfassung und kein Versuch, gesellschaftliche Konflikte zu „berechnen“. Es ist ein robuster Filter, der helfen soll, grobe Systemfehler früh sichtbar zu machen und sie mit den normativen Leitplanken der „Charta des Superorganismus Demokratie“ und den Transformationsideen aus „BeyondKapitalismus“ zu verknüpfen.
1.1.Selbstregulation als Kern einer überlebensfähigen Ordnung
Selbstregulation bedeutet, dass ein System den eigenen Zustand wahrnimmt, Abweichungen von Zielwerten erkennt und darauf mitangepassten Handlungen reagiert. In biologischen Organismen übernehmen Nervensystem, Immunsystem und hormonelle Regulation diese Funktion. In sozial-ökologischen Systemen, wie sie die Resilienzforschung untersucht, übernehmen Institutionen, Dateninfrastrukturen und kulturelle Normen eine ähnliche Rolle.[1][2]
Folke, Walker und andere unterscheiden drei Fähigkeiten: Resilienz beschreibt, wie gut ein System Störungen übersteht, ohne in einen qualitativ schlechteren Zustand zu kippen. Adaptivität meint die Fähigkeit, innerhalb eines bestehenden Systems Regeln, Strukturen und Verhalten anzupassen. Transformationsfähigkeit schließlich beschreibt die Fähigkeit, in einen anderen Systemzustand zu wechseln, wenn der alte nicht mehr tragfähig ist.[1][2]
Übertragen auf den proto-Superorganismus Menschheit heißt das: Ein „gesunder“ Verbund reagiert früh auf ökologische und soziale Warnsignale, baut Feedbackschleifen ein, die zerstörerische Dynamiken – etwa Übernutzung von Ressourcen, extreme Ungleichheit oder demokratischen Erosionsprozesse – bremsen, und schafft Räume für Transformation, wenn bestehende Institutionen strukturell blockiert sind. In „Am Scheideweg“ wird beschrieben, wie gefährlich es ist, wenn ein global gekoppeltes System diese Selbstregulation vernachlässigt: Kipppunkte werden wahrscheinlicher, Krisen koppeln sich auf, und der Handlungsspielraum schrumpft.
Selbstregulation ist damit keine „Option on top“, sondern eine Überlebensbedingung eines komplexen Systems, das seine planetaren und sozialen Grenzen bereits massiv überschritten hat.[4] Die Frage ist weniger, ob wir uns selbst regulieren, sondern nur, ob wir das bewusst, transparent und demokratisch tun – oder chaotisch, verspätet und durch Krisen erzwungen.
1.2.Ein generisches Prüfschema für Maßnahmen
Damit Selbstregulation funktioniert, brauchen wir ein einfach handhabbares Schema, mit dem sich jede größere Maßnahme – ob Gesetz, Infrastrukturprojekt, Steuerreform, Technologie- oder Subventionsprogramm – systematisch prüfen lässt. Das folgende Raster ersetzt keine detaillierten Fachgutachten, aber es zwingt dazu, zentrale Fragen konsequent mitzudenken und mit den Zielen des proto-Superorganismus zu spiegeln.
Die Logik ist einfach: Sechs Dimensionen werden nacheinander betrachtet – ökologische Integrität, soziale Grundrechte und Verteilung, Macht und Governance, Resilienz und Transformationsfähigkeit, Feedback- und Lernarchitektur sowie Reversibilität und Vorsorge. Zu jeder Dimension gibt es Leitfragen. Auf dieser Basis kann ein Ampelurteil (grün/gelb/rot) oder ein einfacher Score vergeben werden. Maßnahmen mit mehreren „rot“ oder kumulierten „gelb“ sind nicht automatisch verboten, aber sie benötigen Revision, Auflagen oder Kompensation, bevor sie verantwortbar sind.
1.2.1.Ökologische Integrität
Den Auftakt bildet die Frage, ob eine Maßnahme die ökologische Tragfähigkeit stärkt oder schwächt. Leitfragen sind: Wie verändert die Maßnahme Treibhausgasemissionen über ihren gesamten Lebenszyklus – von Produktion über Betrieb bis Entsorgung – und ist sie mit einem Pfad vereinbar, der die Ziele des Pariser Abkommens respektiert und das verbleibende Emissionsbudget nicht überstrapaziert, wie im IPCC-Synthesebericht zusammengefasst?[4] Welche Auswirkungen hat sie auf andere planetare Grenzen – Landnutzung, Biodiversität, Süßwasser, Nährstoffkreisläufe, chemische Verschmutzung? Werden bestehende Überschreitungen entschärft oder verschärft? Und entstehenSystemeffekte, etwa Rebound-Effekte oder Verlagerungen („Leakage“), bei denen scheinbare Verbesserungen in einem Land oder Sektor zu Verschlechterungen anderswo führen?
Aus Sicht eines lernfähigen proto-Superorganismus gilt als Mindestanforderung: Keine Maßnahme darf strukturell dazu führen, dass ökologischeKipppunkte wahrscheinlicher werden oder bereits kritische Grenzen weiter überschritten werden, ohne dass ein klarer, kurzfristiger Exit-Plan existiert. Übergangslösungen – etwa die zeitweilige Nutzung von Erdgas statt Kohle – sind nur dann vertretbar, wenn sie explizit befristet, rechtlich verbindlich verankert und mit realistischen Dekarbonisierungspfaden unterlegt sind. Alles andere wäre Selbsttäuschung.
1.2.2.Soziale Grundrechte und Verteilung
Die zweite Dimension spiegelt die in Teil III definiertenGrundrechte als Funktionsbedingungen des Superorganismus: Zugang zu Wasser, Nahrung, Wohnen, Gesundheit, Bildung sowie elementarer Sicherheit. Leitfragen sind hier: Verbessert oder verschlechtert die Maßnahme den Zugang zu diesen Gütern, insbesondere für verletzliche Gruppen? Wie verteilen sich Kosten und Vorteile – vertieft sie die Spaltung zwischen „oben“ und „unten“ oder baut sie extreme Ungleichheiten ab, wie sie die World Inequality Database und Oxfam dokumentieren?[14][15]
Ein weiterer Prüfpunkt ist die Just Transition: Gibt es faire Übergangsregelungen für Branchen, Regionen und Beschäftigte, die von Strukturwandel betroffen sind – etwa in fossilen Sektoren? Werden Betroffene frühzeitig beteiligt und haben realen Einfluss auf die Ausgestaltung? Oder werden sie vor vollendete Tatsachen gestellt und später mit symbolischer Kompensation abgespeist?
Die Mindestanforderung ist klar: Maßnahmen dürfen keine Gruppe bewusst „opfern“, um den Status quo für privilegierte Gruppen zu sichern. Strukturwandel muss mit Just-Transition-Mechanismen gekoppelt sein, sonst erzeugt er legitimen Widerstand, der ökologische oder soziale Transformation politisch blockiert. Dies gilt auch für ökonomische Umstellungen im Sinne von BeyondKapitalismus, die nur tragfähig sind, wenn sie Sicherheit statt neuer Abstiegsängste erzeugen.
1.2.3.Macht, Governance und Rechenschaft
Die dritte Dimension fragt, wie eine Maßnahme Machtverhältnisse verändert. Zentral ist die Frage, ob sie zu starker Konzentration von politischer, ökonomischer, technologischer oder datenbezogener Macht bei wenigen Akteuren führt – etwa durch Monopole, Plattformdominanz oder komplexe PPP-Konstruktionen –, und ob es wirksame Gegenmacht gibt: unabhängige Gerichte, Aufsichtsbehörden, Parlamente, Gewerkschaften, zivilgesellschaftliche Organisationen, Mitbestimmungsrechte.
Wichtig ist zudem die Transparenz: Sind Entscheidungswege, Eigentumsverhältnisse und Interessenkonflikte offengelegt? Gibt es Berichtspflichten und unabhängiges Monitoring? Können Öffentlichkeit und Wissenschaft nachvollziehen, wer welche Entscheidung getroffen hat und auf welcher Basis?
Im digitalen Bereich kommt hinzu: Schafft die Maßnahme neue Lock-ins in proprietäre Plattformen, geschlossene Standards oder intransparente Algorithmen, oder fördert sie offene Schnittstellen, Interoperabilität und digitale Gemeingüter? In „Die 10 Gebote des Kapitalismus“ wird beschrieben, wie unregulierte Konzentration in digitalen Märkten die Demokratie unterminieren kann.
Die Mindestanforderung lautet hier: Keine Maßnahme darf machtpolitische Blackboxes schaffen, in denen zentrale Infrastruktur – Energie, Kommunikation, Daten, Zahlungssysteme – dauerhaft außerhalb demokratischer Rechenschaftspflicht liegt. Je kritischer die Infrastruktur, desto höher die Anforderungen an öffentliche Kontrolle.
1.2.4.Resilienz, Adaptivität und Transformationsfähigkeit
Die vierte Dimension knüpft direkt an Resilienzforschung an. Leitfragen sind: Wird das System widerstandsfähiger gegen Schocks – etwa durch Diversität, Redundanz und Dezentralität – oder nimmt die Verwundbarkeit zu?[1][2] Schafft die Maßnahme technologische, infrastrukturelle oder institutionelle Lock-ins, die spätere Transformation erschweren oder verteuern (zum Beispiel neue fossile Großinvestitionen mit Laufzeiten bis weit nach 2050)? Gibt es eingebaute Review-Zyklen, Szenarienanalysen und Mechanismen zur Anpassung an neue Erkenntnisse? Werden lokale Erfahrungen systematisch gesammelt und nach oben gespiegelt, wie es adaptive-Governance-Ansätze empfehlen?[1][3]
Mindestanforderung: Maßnahmen dürfen die Fähigkeit zur späteren Kurskorrektur nicht strukturell schwächen. Je größer die Unsicherheit und je länger die Laufzeit, desto wichtiger sind modulare Bauweisen, nachrüstbare Technologien und Optionen für Pfadwechsel. In einem Umfeld, das von Kippunktrisiken und sich beschleunigenden Veränderungen geprägt ist, ist Flexibilität ein Sicherheitsfeature, kein Luxus.
1.2.5.Feedback- und Lernarchitektur
Die fünfte Dimension betrifft die Frage, ob eine Maßnahme sich selbst ernst nimmt. Ohne klare Indikatoren, öffentlich zugängliche Daten und definierte Korrekturmechanismen bleibt jedes Prüfversprechen leer. Der IPCC-Synthesebericht betont die Bedeutung iterativer, indikatorgestützter Entscheidungszyklen – besonders in der Klimapolitik.[4]
Konkret geht es um drei Ebenen: Erstens müssen Maßnahmen mit klar messbaren Indikatoren und Zielwerten verknüpft sein – etwa Emissionsreduktionen, Armutsquoten, Biodiversitätsziele. Zweitens braucht es einen echten Evaluationsplan: Wer evaluiert? Die umsetzende Institution selbst, unabhängige Forschung, Rechnungshöfe, Bürgergremien? Sind Kriterien und Berichte öffentlich zugänglich, oder verschwinden sie in Schubladen? Drittens müssen die Feedback-Schleifen entscheidungsrelevant sein: Was passiert bei Zielverfehlung – werden Strategien angepasst, Mittel verschoben, Maßnahmen beendet, Verantwortliche zur Rechenschaft gezogen?
Mindestanforderung: Keine große Maßnahme ohne vordefinierten Evaluationsplan und ohne klar benannte Trigger für Anpassung oder Abbruch. „Monitoring“ darf nicht Synonym für pdf-Friedhöfe sein.
1.2.6.Reversibilität und Vorsorge
Die sechste Dimension verbindet wissenschaftliche Unsicherheit mit dem Vorsorgeprinzip. Leitfragen sind: Welche Elemente der Maßnahme sind reversibel, und in welchem Zeitraum und zu welchen Kosten? Welche Veränderungen sind praktisch irreversibel – etwa Verlust von Arten, Degradation von Böden, radioaktive Altlasten oder großskalige Eingriffe in das Erdsystem? Wird bei hoher Unsicherheit und gravierenden potenziell irreversiblen Schäden das Vorsorgeprinzip angewendet, das in vielen Umweltabkommen verankert ist? Gibt es Notfall- und Exit-Pläne für den Fall, dass sich Risiken anders entwickeln als erwartet?
Die Mindestanforderung ist hier besonders streng: Je irreversibler potenzielle Schäden sind, desto höher müssen die Anforderungen an Vorsorge, Redundanz und Kontrolle sein. Manche Maßnahmen sollten aus Perspektive eines lernfähigen proto-Superorganismus schlicht als**„No-Go“** gelten, wenn sie irreversible Risiken erzeugen, ohne erkennbaren Nutzen für ökologische und soziale Stabilität.
1.3.Indikatorensysteme und offene Daten: das Nervensystem
Ein Prüfschema bleibt wirkungslos, wenn es nicht durch ein funktionierendes Nervensystem unterlegt ist. Was im Organismus Nervenleitungen, Sinnesorgane und Botenstoffe leisten, übernehmen in komplexen Gesellschaften Indikatoren, Datenflüsse und Institutionen, die Zustände erfassen, auswerten und zur Grundlage von Entscheidungen machen.
Ein anschlussfähiges Indikatorenset sollte mindestens fünf Cluster abdecken, die bereits in „Am Scheideweg“ und im „Handbuch: Superorganismus Demokratie“ angelegt sind: ökologische und klimabezogene Größen (Emissionen, Energie- und Ressourcennutzung, Biodiversitätsindikatoren), soziale Lage und Verteilung ( Armut, Ungleichheit, Zugang zu Grundversorgung), Demokratie und Rechtsstaat (Indices, Medienvielfalt, Korruptionsmaße), Informationsökologie und Vertrauen (Plattformkonzentration, Desinformationsindikatoren, Vertrauensumfragen) sowie Resilienz und Anpassungsfähigkeit (Präventions- und Anpassungsinvestitionen, Diversität kritischer Infrastrukturen, Krisenkoordination).
Wichtiger als die exakte Auswahl einzelner Kennziffern ist die Kohärenz: Indikatoren müssen das messen, was der proto-Superorganismus tatsächlich schützen will – seine ökologische Tragfähigkeit, seine soziale Kohäsion und die Funktionsfähigkeit der demokratischen Steuerung. Was nicht gemessen, diskutiert und sichtbar gemacht wird, ist politisch fast immer nachrangig.
Damit diese Indikatoren mehr sind als Tabellen, braucht es eine deliberate Daten- und Evaluationsinfrastruktur: Verwaltungs- und Monitoringdaten sollten standardmäßig als Open Data bereitgestellt werden – maschinenlesbar, versioniert, mit klaren Metadaten. Unabhängige Forschung und Zivilgesellschaft sollten explizit eingeladen werden, diese Daten auszuwerten und alternative Lesarten anzubieten. Budgetprozesse, Gesetzesüberprüfungen und Strategiefortschreibungen sollten an Reporting-Zeitpunkte gekoppelt werden, deren Ergebnisse öffentlich debattiert werden.[4][9]
Der UNFCCC Technology Executive Committee betont in seinen Arbeiten zu nationalen Innovationssystemen, dass Innovationspolitik nicht nur auf Wettbewerbsfähigkeit und Wachstum, sondern explizit auf soziale und ökologische Ziele ausgerichtet werden muss.[9] Genau hier greift das Bild des proto-Superorganismus: Innovation ist kein Selbstzweck, sondern Teil der Selbstregulation.
1.4.Adaptive Governance und polyzentrische Selbstregulation
1.4.1.Adaptive Governance: Lernen statt Durchregieren
Unter adaptive governance verstehen Folke und andere Governance-Arrangements, die auf unsichere, dynamische Umwelten ausgelegt sind, mehrere Akteursgruppen verbinden und Kontrolle durch Lernen ersetzen.[1][3] Statt zu glauben, komplexe Systeme vollständig durchplanen zu können, akzeptieren sie, dass Überraschungen unvermeidlich sind – und bauen Strukturen, die Überraschungen aufnehmen, auswerten und in Kurskorrekturen übersetzen.
Typische Elemente sind Brückenorganisationen, die unterschiedliche Sektoren verbinden; Krisen als Fenster für institutionelle Reformen; und eine Kultur, die Experimente und Fehler zugunsten von Lernen zulässt. Übertragen auf den proto-Superorganismus Demokratie heißt das: Wir brauchen Experimentier- und Lernräume – Städte, Regionen, Sektoren –, in denen neue Energie-, Mobilitäts-, Ernährungs- oder Finanzsysteme praktisch erprobt werden. Diese Experimente müssen in ein übergeordnetes Zielsystem eingebettet sein – planetare Grenzen und soziale Fundamente, wie sie in Teil IV und im Doughnut-Modell beschrieben sind – und über Indikatoren und Feedback miteinander verbunden werden.
1.4.2.Polyzentralität statt Weltregierung
Elinor Ostrom hat im Kontext globaler Umweltprobleme das Konzept der polyzentischen Governance entwickelt.[6][7] Statt auf eine allmächtige Weltregierung zu setzen, plädiert sie für eine Vielzahl miteinander verbundener Entscheidungszentren, die auf unterschiedlichen Ebenen handeln – von der Kommune über Nationalstaaten bis zu transnationalen Netzwerken.
Polyzentrische Systeme haben mehrere Vorteile: Sie ermöglichen Experimentieren und Lernen in vielen Arenen gleichzeitig; sie bauenRedundanz ein, weil nicht alles an einem einzigen Punkt scheitern kann; und sie erlauben, globale Probleme teilweise durch lokale und sektorale Initiativen zu adressieren, selbst wenn internationale Verhandlungen stocken.[6][8]
Für einen demokratischen proto-Superorganismus bedeutet das: Nicht eine zentralistische Weltregierung, sondern vernetzte, transparente und revidierbare Entscheidungszentren, die an gemeinsamen Leitplanken ausgerichtet sind – Menschenrechte, planetare Grenzen, demokratische Grundregeln.
Monitoring- und Evaluationssysteme müssen so gestaltet sein, dass sie die Beiträge dieser verschiedenen Zentren sichtbar machen, Vergleiche ermöglichen und Lernprozesse unterstützen – statt nur Konkurrenz oder „race to the bottom“ zu erzeugen. Klimapolitik wird so zu einem Zusammenspiel aus globalen Rahmenwerken (etwa dem Pariser Abkommen) und einem dichten Geflecht subnationaler und transnationaler Initiativen, wie es Cole beschreibt.[8]
1.5.Hebel in komplexen Systemen: Wo eingreifen?
Donella Meadows hat in ihrem Essay über „Leverage Points“ beschrieben, dass Eingriffe in komplexe Systeme auf unterschiedlich tiefen Ebenen ansetzen können – von Parametern über Strukturen und Regeln bis hin zu Zielen und zugrundeliegenden Paradigmen.[5]
Viele politische Debatten drehen sich um Parameter: Höhe von Steuern, Grenzwerten, Subventionen. Wichtiger für den proto-Superorganismus sind jedoch Strukturen, Regeln und Ziele: Wer besitzt welche Infrastruktur? Wer trägt Haftung für Schäden? Welche Kennzahlen gelten als Erfolg? Und über allem: Welches Paradigma ist Leitstern – unbegrenztes BIP-Wachstum oder Wohlergehen innerhalb planetarer Grenzen und mit gesicherten Grundrechten, wie es in „BeyondKapitalismus“ und der Charta formuliert ist?
Das hier entwickelte Prüfschema wirkt vor allem auf der Ebene der Regeln und Strukturen: Es zwingt dazu, Maßnahmen an übergeordneten Zielen zu spiegeln und offene Daten sowie Feedbackmechanismen einzubauen. Das Handbuch als Ganzes zielt zusätzlich auf die Ebene der Paradigmen: weg von einer Ordnung, in der Märkte und Geldlogik quasi religiösen Status haben, hin zu einer Ordnung, in der der proto-Superorganismus bewusst seine ökologische und soziale Gesundheit priorisiert.
1.6.Selbstregulation als Schlüssel zum Fortbestand
Zusammengefasst: Der proto-Superorganismus Menschheit befindet sich in einem Zustand, in dem ein schlichtes „Weiter-so“ hochgradig riskant ist. Wir können die Zukunft nicht exakt planen, aber wir können eine Ordnung bauen, die auf Irrtum vorbereitet ist – eine Ordnung, die Fehler erkennt, statt sie zu vertuschen, und daraus lernt, statt zu kollabieren.
Dazu braucht es drei Dinge, die dieses Kapitel bündelt: ein Prüfschema, das zentrale Schäden – ökologisch, sozial, demokratisch – früh sichtbar macht; ein Indikator- und Datensystem, das diese Schäden quantifiziert und öffentlich macht; und eine adaptive, polyzentrische Governance, die auf Basis dieser Informationen regelmäßig Kurskorrekturen vornimmt.
In biologischen Organismen sind Nervensystem, Immunsystem und endokrine Regulation das Ergebnis von Millionen Jahren Evolution. Für den proto-Superorganismus Menschheit müssen wir diese Funktionen in wenigen Jahrzehnten bewusst gestalten – in Form von Institutionen, Verfahren, Dateninfrastruktur und kulturellen Normen. Das Ziel ist nicht Perfektion, sondern Fehlerfreundlichkeit: eine Ordnung, in der Irrtümer nicht zum Systemkollaps führen, sondern zu Lernen und Verbesserung.
Genau darin liegt die Chance, dass die Menschheit als proto-Superorganismus auf diesem Planeten dauerhaft überleben kann – und dass die in der Charta des Superorganismus Demokratie formulierten Rechte nicht abstrakte Ideale bleiben, sondern Teil einer lebendigen, selbstregulierenden Praxis werden.
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1.7.Quellen (Teil V)
[1] Folke, C. et al. (2005): Adaptive Governance of Social-Ecological Systems. Annual Review of Environment and Resources 30, 441–473. https://www.annualreviews.org/content/journals/10.1146/annurev.energy.30.050504.144511
[2] Walker, B. et al. (2004): Resilience, Adaptability and Transformability in Social-Ecological Systems. Ecology and Society 9(2):5. https://www.ecologyandsociety.org/vol9/iss2/art5/
[3] Olsson, P. et al. (2006): Shooting the Rapids: Navigating Transitions to Adaptive Governance of Social–Ecological Systems. Ecology and Society 11(1):18. https://doaj.org/article/b7f728a94997401286e8b2e4b64e2433
[4] IPCC (2023): AR6 Synthesis Report: Climate Change 2023 – Summary for Policymakers. https://www.ipcc.ch/report/ar6/syr/
[5] Meadows, D. (1999): Leverage Points: Places to Intervene in a System. The Sustainability Institute. https://donellameadows.org/archives/leverage-points-places-to-intervene-in-a-system/
[6] Ostrom, E. (2009): A Polycentric Approach for Coping with Climate Change. World Bank Policy Research Working Paper 5095. https://openknowledge.worldbank.org/entities/publication/afe3b3e9-96e5-580e-a71e-882dfc4e9421
[7] Ostrom, E. (2010): Polycentric Systems for Coping with Collective Action and Global Environmental Change. Global Environmental Change 20(4), 550–557. https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0959378010000634
[8] Cole, D. H. (2011): From Global to Polycentric Climate Governance. Climate Law 2(3), 395–413. https://www.repository.law.indiana.edu/cgi/viewcontent.cgi?article=1373&context=facpub
[9] UNFCCC Technology Executive Committee (2023): Good Practices and Lessons Learned on the Setup and Implementation of National Systems of Innovation – Summary for Policymakers. https://unfccc.int/ttclear/misc_/StaticFiles/gnwoerk_static/TEC_NSI/3e8c08a7f0ec48d8a721e4aeac75555c/440b5254a3324b2b8f939330a2a6e0f5.pdf
