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Handbuch proto-Superorganismus 2.0: Teil II - Deutungsrahmen

Dieser Teil erklärt die Metapher der Menschheit als proto-Superorganismus, grenzt sie von biologistischen Missbräuchen ab und zeigt, wie sie als Orientierungsrahmen für eine gerechte, demokratische Transformation dienen kann.

1.Deutungsrahmen: Die Menschheit als proto-Superorganismus

Teil I – Realitätsschock beschreibt im Detail, in welchem Zustand sich unser gemeinsames System befindet – ökologisch, sozial, demokratisch und informationell. Die Diagnose ist ernüchternd: Die Menschheit verhält sich wie ein großes, hochvernetztes System, das sich selbst nicht mehr zuverlässig reguliert. Klimasystem, Biodiversität, Ungleichheit, Demokratieabbau und Informationsökologie hängen enger zusammen, als klassische Politik und Ökonomie es lange wahrhaben wollten.

Damit diese Diagnose mehr ist als eine lose Sammlung bedrückender Fakten, braucht es einen Deutungsrahmen, der drei Dinge leistet. Erstens muss er globale Entwicklungen strukturiert verständlich machen, ohne sie zu mystifizieren. Zweitens muss er erklären, warum bestimmte Muster immer wiederkehren – etwa Ungleichheit, Machtkonzentration und destruktive Externalisierung – und warum sie in einer planetar vernetzten Zivilisation eskalieren. Drittens muss er Orientierung bieten, welche strukturellen Änderungen nötig sind, um das Gesamtsystem zu stabilisieren, ohne dabei individuelle Rechte zu opfern.

Die zentrale Idee dieses Teils lautet deshalb: Wir betrachten die Menschheit als proto-Superorganismus – als ein großes, technisch und kulturell vernetztes System, das einige Eigenschaften eines Superorganismus aufweist, aber noch weit davon entfernt ist, stabil, gerecht und belastbar organisiert zu sein. Das Wort „proto“ ist bewusst gewählt. Es behauptet keine vorgegebene Bestimmung, keinen „Plan der Natur“ und keine biologische Verschmelzung von Individuen, sondern einen Arbeitsbegriff für ein System im Übergang: Wir sind faktisch global gekoppelt, haben zwar starke Normrahmen (UN-Charta, Menschenrechte, Klimaabkommen), aber bislang keine ausreichend wirksamen und konsequent durchgesetzten Regeln, um diese Kopplung fair und langfristig stabil zu gestalten. Eine frühe symbolische Erinnerung an diese Gemeinsamkeit ist die berühmte Earthrise-Aufnahme der Apollo-8-Mission, die zum ersten Mal sichtbar machte, wie verletzlich und grenzenlos vernetzt dieser Planet ist.[1]

Dieser interpretative Rahmen ist das Bindeglied zwischen der Diagnose in Teil I – Realitätsschock, den institutionellen Fragen in Teil III – Normativer Rahmen, den ökonomischen und infrastrukturellen Lösungsräumen in Teil IV – Lösungsräume und dem Entscheidungsraster in Teil V – Prüfregeln, Feedback und Selbstregulation. Er soll helfen, Widersprüche im aktuellen System sichtbar zu machen und zu begründen, warum eine radikale, aber demokratische Neuordnung – weg von einer Geldwirtschaft mit eingebauter Akkumulation und hin zu einer gerechteren, kooperationsorientierten Ordnung – logisch folgerichtig ist und nicht bloß „utopische Fantasie“. Diese Logik wird im Essay „Am Scheideweg“ und in „Kapitalismus als Glaubenssystem“ ausführlich entfaltet.

1.1.Der hier verwendete Rahmen ist die Metapher der Menschheit als proto-Superorganismus

Wir sprechen der Einfachheit halber vom „proto-Superorganismus Menschheit“, meinen aber die verschachtelte Struktur lokaler, nationaler, regionaler und globaler Einheiten, die gemeinsam ein gekoppeltes System bilden. In der Evolutionsbiologie spricht man von einem Superorganismus, wenn viele Individuen so eng kooperieren, dass sie funktional einem einzigen Organismus ähneln. Klassische Beispiele sind Ameisenstaaten oder Bienenstöcke, wie sie etwa von E.O. Wilson in The Insect Societies und von Thomas Seeley in Honeybee Democracy beschrieben wurden.[14][15] Die einzelnen Tiere sind für sich lebensfähig, doch im Verbund entstehen Strukturen, in denen zentrale Funktionen aufgeteilt werden: Manche Individuen reproduzieren, andere organisieren Versorgung und Verteidigung, wieder andere koordinieren das Gesamtverhalten. Entscheidende Merkmale sind eine geteilte Schicksalsgemeinschaft, Mechanismen zur Eindämmung von „Cheatern“ und ein Informationssystem, das den Verbund als Ganzes handlungsfähig macht.[16][17]

Ähnliche Übergänge gab es schon früher in der Evolution: Einzeller wurden zu Vielzellern; ehemals selbstständige Bakterien wurden als Mitochondrien Teil komplexer Zellen; aus losen Verbänden entstanden Organismen mit hochspezialisierter Arbeitsteilung. John Maynard Smith und Eörs Szathmáry haben diese „major transitions in individuality“ systematisch beschrieben.[16] Steve West und andere haben gezeigt, wie Kooperation, Konfliktregulation und Informationsaustausch so organisiert werden können, dass der Verbund als Ganzes stabiler wird als seine Teile.[17]

Die in diesem Handbuch verwendete Metapher knüpft genau hier an, ohne die Menschheit mit einem biologischen Superorganismus gleichzusetzen. Wir übertragen keine genetischen, biologischen oder hierarchischen Details, sondern ausschließlich funktionale Fragen: Wie müssen Versorgung, Steuerung, Konfliktregulation, Informationsflüsse und „Immunsystem“ eines großen, vernetzten Systems organisiert sein, damit es langfristig überlebensfähig bleibt? Und was folgt daraus für eine globale Zivilisation, in der acht Milliarden Menschen Energie, Rohstoffe, Informationen und Risiken teilen?

Wichtig sind drei Abgrenzungen. Erstens ist der proto-Superorganismus kein „Volkskörper“. Die Metapher wird explizit gegen nationalistische, rassistische oder biologistische Deutungen abgegrenzt, wie sie im 20. Jahrhundert für Faschismus und Völkermord missbraucht wurden. Die Menschheit ist kein homogenes „Wesen“ - der Mensch selbst ist ebenfall keins -, sondern eine hochdiverse, pluralistische Gesamtpopulation mit gleichen Rechten für alle Individuen – ein Punkt, der in „Kapitalismus als Religionssystem“ noch einmal klargemacht wird.[7] Wir vergessen viel zu sehr unsere eigene Funktionsweise - also die echte biologische Funktion und Abläufe in unserem Körper. Das ist ein großes Problem, das mir bewusst geworden ist. „Gesundheit“ ist zum Lifestyle geworden.

Zweitens geht es nicht um die Unterordnung der Person unter ein Kollektiv. Im Gegenteil: Die Menschenrechte und die in der Charta des Superorganismus Demokratie – Variante A sowie in der allgemein verständlichen Variante B formulierten Grundprinzipien sind der nicht verhandelbare Kern. Die Metapher dient dazu, die Strukturen zu beschreiben, die nötig sind, um diese Rechte global zu sichern.

Drittens wird keine Teleologie behauptet. Die Evolution der Menschheit folgt keinem geheimen Plan, und es gibt keine Garantie für eine „nächste Stufe“. Die Metapher beschreibt Möglichkeitsräume und Stabilitätsbedingungen: was passieren muss, damit ein so großes System nicht kollabiert – und was geschieht, wenn wir diese Bedingungen ignorieren. Der Begriff „proto“ macht klar: Wir haben eine hohe Kopplung bereits faktisch erreicht – durch Atmosphäre, Ozeane, globale Lieferketten, digitale Netze, Finanzströme und kulturelle Diffusion –, aber die Regeln, die diese Kopplung steuern, stammen überwiegend aus einer Zeit, in der Gesellschaften kleiner, weniger vernetzt und ökologisch weniger wirkmächtig waren.[2][3][5] Genau diese Diskrepanz erzeugt viele der Krisen, die in Teil I – Realitätsschock beschrieben werden.

1.2.Vom biologischen zum technischen und kulturellen proto-Superorganismus

Sobald man den Blick von der Biologie löst, wird deutlich, dass wir es heute mit einem technisch-kulturellen Verbundsystem zu tun haben. Energieversorgung, Infrastruktur, Digitalisierung und Rechtssysteme bilden eine Art „technischen Körper“, der die Lebensrealität der meisten Menschen prägt: Stromnetze, Verkehrswege, Datenleitungen, Kommunikationsplattformen, globale Handelsketten, Gesundheits- und Bildungssysteme. Ohne diese Strukturen könnten die meisten Menschen ihren Alltag nicht mehr bestreiten.

Die Parallele zu einem Organismus ist nicht biologistisch gemeint, sondern funktional: Straßen, Schienen und Datenkabel wirken wie Adern und Nervenbahnen; Energie- und Wassernetze bilden eine technische Kreislaufversorgung; Rechenzentren und Kommunikationsnetze fungieren als primitive „Synapsen“ eines globalen Nervensystems. Bewusstheit im philosophischen Sinn entsteht daraus nicht automatisch, aber das System als Ganzes verarbeitet Informationen, reagiert auf Störungen und verändert seine Struktur in Feedbackschleifen. Earth-System-Science und weiterentwickelte Gaia-Ansätze zeigen, wie eng physikalische, biologische und menschliche Teilsysteme ineinander greifen.[5][18]

Der entscheidende Unterschied zu biologischen Superorganismen ist, dass dieser Verbund nicht „natürlich“ gewachsen, sondern von Menschen gestaltet ist – historisch, politisch, rechtlich, ökonomisch. Es gibt keinen genetischen Code, der festlegt, dass Märkte unreguliert sein müssen, dass Geldvermögen exponentiell wachsen dürfen oder dass bestimmte Gruppen dauerhaft benachteiligt sein müssen. Es gibt nur Institutionen und Narrative, die bislang so wirken, als wären sie naturgegeben – und die in „Kapitalismus als Glaubenssystem“ als solche analysiert werden.[7] Das bisherige Narrativ hält sich nur so gut, weil es geschickt verkauft wird.

Damit treten zwei Ebenen deutlich auseinander. Auf der einen Seite steht der organische Mensch, das empfindende, verletzliche Individuum mit Körper, Psyche, Biografie, Beziehungen und Grundrechten. Auf der anderen Seite steht der planetare Verbund, der aus all diesen Individuen, ihren Institutionen, Technologien und Umweltwirkungen besteht – und der als Ganzes überleben oder scheitern kann. Dieses Handbuch interessiert sich nicht für eine Verschmelzung dieser Ebenen, sondern für ihre Koordination: Wie müssen wir Institutionen, Regeln und Infrastrukturen gestalten, damit der planetare Verbund so funktioniert, dass er die Rechte, Freiheiten und Entfaltungsmöglichkeiten der Individuen dauerhaft sichern kann? Diese Perspektive wird in Teil III – Normativer Rahmen vertieft.

1.3.Funktionen eines gesunden proto-Superorganismus

An der Metapher lässt sich gut illustrieren, welche Funktionen ein großes System erfüllen muss, um langfristig lebensfähig zu bleiben – unabhängig davon, ob es sich um einen biologischen Organismus oder eine technische Zivilisation handelt.

Ein gesundes System besitzt einen stimmigen Stoffwechsel. Bezogen auf die Menschheit heißt das: Energie- und Rohstoffflüsse müssen so organisiert sein, dass sie die planetaren Belastungsgrenzen respektieren und regenerierbare Ressourcen nicht dauerhaft übernutzen. Die Atmosphäre fungiert als „gemeinsames Innenmedium“: Sie nimmt unsere Emissionen auf, verteilt Hitze und Feuchtigkeit und koppelt lokale Handlungen direkt an globale Folgen. Das gilt ebenso für Ozeane, Böden und das Biosphären-Netzwerk, das als ökologisches „Immunsystem“ des Planeten wirkt.[5][6]

Ein gesundes System sorgt außerdem für eine ausreichende und gerechte Versorgung seiner Teile. Auf die Menschheit übertragen heißt das: Kein Teil der Weltbevölkerung darf unter ein Mindestniveau an Ernährung, Gesundheit, Bildung, Wohnraum und politischer Teilhabe fallen, nur damit andere Teile extremen Überschuss anhäufen. In einem biologischen Organismus wäre eine dauerhafte Unterversorgung ganzer Organe ein klares Krankheitszeichen – im globalen Maßstab ist sie zum Alltag geworden, wie Daten zu Armut, Ungleichheit und Unterversorgung zeigen, die in Teil I – Realitätsschock und in Berichten von World Inequality Database und Oxfam zusammengetragen werden.[8][9][10]

Hinzu kommt ein funktionierendes Steuerungs- und Konfliktregulationssystem. In demokratischen Gesellschaften übernehmen Verfassungen, Parlamente, Gerichte, Verwaltungen und Medien diese Rolle. Übertragen auf den proto-Superorganismus wäre ein gesundes System eines, in dem Macht begrenzt und kontrolliert wird, grundlegende Entscheidungen transparent und inklusiv vorbereitet werden und Konflikte ohne systematische Gewalt gelöst werden. Wenn im globalen Maßstab autoritäre Tendenzen zunehmen, demokratische Institutionen ausgehöhlt werden und internationale Kooperation blockiert wird – wie es Daten von Freedom House und dem V-Dem-Institut nahelegen –, ist das strukturell vergleichbar mit einem Organismus, dessen Nervensystem Fehlmeldungen produziert oder dessen Steuerzentren von einem kleinen Teil der Zellen gekapert werden.[11][12]

Schließlich braucht jedes große System ein Immunsystem – Mechanismen, die Schäden frühzeitig erkennen und begrenzen. Bezogen auf die Menschheit sind das unter anderem Wissenschaft, investigative Medien, Whistleblower, Rechtsstaat, soziale Bewegungen und internationale Abkommen. In einem gesunden proto-Superorganismus würden diese Schutzmechanismen gestärkt, nicht geschwächt. Wenn Klimawarnungen ignoriert, Journalist*innen eingeschüchtert, Wissenschaft delegitimiert und demokratische Bewegungen kriminalisiert werden, ist das funktional so, als würde ein Organismus sein eigenes Immunsystem lahmlegen. Die Debatte um den Cambridge-Analytica-Skandal ist ein Beispiel dafür, wie empfindlich dieses Immunsystem gegenüber manipulativen Informationsstrukturen geworden ist.[13]

Wenn man all diese Funktionen zusammendenkt, wird deutlich, warum Gerechtigkeit keine moralische Zugabe, sondern ein Stabilitätskriterium ist. Wo Versorgung, Rechte und Mitbestimmung massiv ungleich verteilt sind, entstehen dauerhafte Spannungen, die das Gesamtsystem destabilisieren. Die Metapher macht den Kernpunkt des Handbuchs plastisch: Ein derart großes, vernetztes System kann auf Dauer nur funktionieren, wenn es strukturell gerecht ist – nicht, weil Menschen „nett“ sein sollen, sondern weil alles andere systemisch instabil ist. Diese Argumentation wird in „Am Scheideweg“ und in den späteren Teilen des Handbuchs immer wieder aufgegriffen.

1.4.Gesundheit und Krankheit im System – ohne Biologismus

Die Metapher erlaubt es, zwischen gesunden und kranken Zuständen zu unterscheiden, ohne den Fehler zu machen, Menschen zu pathologisieren oder politische Gegner als „krank“ zu diffamieren. Es geht nicht um Moralurteile über Individuen, sondern um die Funktionsfähigkeit struktureller Zusammenhänge.

Gesund wäre das System dort, wo ökologische, soziale, ökonomische und demokratische Indikatoren langfristig stabil bleiben oder sich verbessern: Emissionen sinken in einer Geschwindigkeit, die mit den Klimazielen vereinbar ist; Biodiversitätsverlust wird gestoppt und umgekehrt; extreme Vermögenskonzentration nimmt ab; demokratische Rechte werden ausgebaut; Informationsräume werden widerstandsfähiger gegen Desinformation. Hier schließen die Befunde von IPCC, WMO, IPBES, WWF, World Inequality Database, Oxfam und den großen Demokratieindizes direkt aneinander.[2][3][4][5][6][7][8][9][10][11][12]

Krankheit zeigt sich dort, wo Rückkopplungsschleifen versagen, bestimmte Akteure systematisch Kosten externalisieren und Gewinne privatisieren, Macht nicht mehr kontrolliert wird und kollektive Entscheidungen regelmäßig gegen die langfristige Überlebensfähigkeit des Systems ausfallen. In Teil I – Realitätsschock wird gezeigt, dass viele dieser Symptome heute gleichzeitig auftreten: planetare Grenzen werden überschritten, Ökosysteme kollabieren, Ungleichheit nimmt zu, Demokratie wird abgebaut und die Informationsökologie wird durch Plattformlogiken verzerrt. Die Metapher des proto-Superorganismus hilft, diese Symptome als Teile eines einzigen Bildes zu sehen.

Sie lenkt den Blick weg von der Frage, ob einzelne Akteure „gut“ oder „böse“ sind, und hin zur Frage, welche Regeln und Strukturen systematisch falsche Anreize setzen. Genau von hier aus argumentiert der Teil „Kapitalismus als Religionssystem“: Ein Wirtschaftssystem, das auf dauernde Akkumulation, Konkurrenz und Externalisierung angelegt ist, mag in einer kleinen, ressourcenreichen Welt einige Zeit funktionieren. In einem planetaren proto-Superorganismus mit enger ökologischer Kopplung wirkt dieselbe Logik wie ein fortschreitender Krankheitsprozess.

1.5.Grenzen und Missbrauchsrisiken der Metapher

Jede Metapher ist begrenzt. Gerade weil Organismus-Bilder historisch missbraucht wurden, um Unterdrückung, Rassismus und Krieg zu legitimieren, müssen die Grenzen des Vergleichs ausdrücklich benannt werden. Es impliziert keine zentralistische Weltregierung und keine teleologischen Annahmen über einen ‚planenden‘ Superorganismus. Die Analogie bezieht sich ausschließlich auf Kopplung, Feedback und Verletzlichkeit, nicht auf Bewusstsein.

Erstens geht es nicht um organischen Kollektivismus. Weder dieses Handbuch noch die zugrunde liegende Theorie behaupten, dass Individuen zu „Zellen“ eines höherstehenden Wesens degradiert werden sollen. Es gibt keinen „Übermenschen“ und keinen „Volkskörper“. Das Ziel ist nicht die Unterordnung der Person, sondern die Absicherung ihrer Rechte und Freiheiten, wie sie in der Charta des Superorganismus Demokratie – Variante A und Variante B explizit festgeschrieben werden. Der proto-Superorganismus ist ein analytisches Bild, kein neues Subjekt mit eigenen „Rechten gegen die Menschen“.

Zweitens soll die Metapher keinen technokratischen Elitismus legitimieren. Sie rechtfertigt nicht die Herrschaft einer „Expertenschicht“, die im Namen des „Gesamtsystems“ entscheidet. Gerade wenn man die Menschheit als hochkomplexes System versteht, wird klar, dass zentrierte Steuerung an Grenzen stößt. Die Antwort darauf sind demokratische, deliberative und polyzentrische Strukturen – Bürgerräte, partizipative Haushalte, transparente Entscheidungsprozesse –, wie sie in Teil III – Normativer Rahmen und Teil IV – Lösungsräume konkret beschrieben werden.

Drittens folgt aus der Metapher kein naturdeterministischer Fehlschluss. Aus der Tatsache, dass die Menschheit funktional einem proto-Superorganismus ähnelt, folgt nicht, dass „die Natur“ bestimmtes Verhalten „vorschreibt“. Evolution kennt keine moralische Richtung. Was sich durchsetzt, ist nicht automatisch gut. Die Metapher zeigt, unter welchen Bedingungen Systeme überleben, nicht, was sie „sollen“. Die normative Grundlage – Menschenwürde, Gerechtigkeit, Freiheit, demokratische Teilhabe – wird explizit aus ethischen und politischen Überlegungen hergeleitet und in der Charta des Superorganismus Demokratie formuliert.[6]

Viertens handelt es sich um keinen esoterischen Überbau. Der proto-Superorganismus ist kein „Weltgeist“, keine mystische Entität und kein verborgenes Bewusstsein. Er ist eine Beschreibung der Faktizität unserer Kopplung: atmosphärisch, ökologisch, ökonomisch, technologisch, kulturell. Es geht darum, diese Kopplung rational zu analysieren und politische Konsequenzen zu ziehen – nicht darum, sie religiös aufzuladen.

Indem diese Grenzen klar benannt werden, soll die Metapher gegen typische Angriffe immunisiert werden, wie sie aus konservativen, neoliberalen oder extrem rechten Milieus kommen: Vorwurf der „Öko-Diktatur“, des „Klimakommunismus“ oder einer finsteren „Weltregierung“. Genau diese Narrative werden in „Am Scheideweg“ systematisch analysiert. Die Antwort darauf ist schlicht: Es geht nicht um mehr Machtkonzentration, sondern um Machtbegrenzung und faire Regeln, damit ein extrem vernetztes System nicht in sich zusammenfällt.

1.6.Rolle dieses Rahmens im Handbuch

Damit ist auch die Rolle dieses Teils im Gesamtaufbau des Handbuchs klar. Teil I – Realitätsschock zeigt, wie es steht. Teil II liefert den Rahmen, um diese Lage als Symptome eines instabilen proto-Superorganismus zu verstehen. Teil III – Normativer Rahmen übersetzt diesen Rahmen in Rechte, Pflichten und Institutionen – insbesondere in die Charta des Superorganismus Demokratie (A) und ihre allgemein verständliche Variante.Charta des Superorganismus Demokratie (B) Teil IV – Lösungsräume beschreibt ökonomische und infrastrukturelle Pfade, wie ein gerechterer, kooperationsorientierter Stoffwechsel aussehen kann. Teil V – Prüfregeln, Feedback und Selbstregulation stellt schließlich ein Prüfraster zur Verfügung, mit dem konkrete politische Entscheidungen danach bewertet werden können, ob sie den proto-Superorganismus stabilisieren oder weiter destabilisieren.

Für Leser*innen mit wenig Zeit lässt sich die Funktion dieses Deutungsrahmens so zusammenfassen: Er macht sichtbar, dass wir nicht vor einer beliebigen „Reformdebatte“ stehen, sondern vor der Frage, ob ein planetar gekoppeltes System einen Modus struktureller Gerechtigkeit, Kooperation und Selbstbegrenzung findet – oder ob es auf ein Szenario zusteuert, in dem ökologische Kipppunkte, Ungleichheit, Autokratisierung und Informationschaos sich gegenseitig verstärken. Genau dafür liefert dieses Handbuch den konzeptionellen Rahmen und die operativen Werkzeuge.

Teil 3 weiterlesen

1.7.Quellen (Teil II)

[1] NASA (2020): Apollo 8: Earthrise. Bildbeschreibung und Hintergrund des Fotos Earthrise. https://www.nasa.gov/image-article/apollo-8-earthrise/

[2] WMO (2025): State of the Global Climate 2024 & Pressemitteilung „WMO confirms 2024 as warmest year on record at about 1.55°C above pre-industrial level“. Weltorganisation für Meteorologie. https://wmo.int/publication-series/state-of-global-climate-2024 https://wmo.int/news/media-centre/wmo-confirms-2024-warmest-year-record-about-155degc-above-pre-industrial-level

[3] IPCC (2023): AR6 Synthesis Report: Climate Change 2023. Intergovernmental Panel on Climate Change. https://www.ipcc.ch/report/ar6/syr/

[4] UNEP (2024): Emissions Gap Report 2024. United Nations Environment Programme. https://www.unep.org/resources/emissions-gap-report-2024 https://www.unep.org/interactives/emissions-gap-report/2024/

[5] Richardson, K. et al. (2023): Earth beyond six of nine planetary boundaries. Science Advances; sowie Stockholm Resilience Centre ( 2024): Planetary boundaries – 2023 update. https://www.science.org/doi/10.1126/sciadv.adh2458 https://www.stockholmresilience.org/research/planetary-boundaries.html

[6] IPBES (2019): Global Assessment Report on Biodiversity and Ecosystem Services. Zusammenfassung für Entscheidungsträger. https://ipbes.net/global-assessment

[7] WWF (2024): Living Planet Report 2024. World Wide Fund For Nature. https://livingplanet.panda.org/ https://www.wwf.de/living-planet-report

[8] World Inequality Database (laufend): WID.world – Data. Globale Einkommens- und Vermögensdaten. https://wid.world/ https://wid.world/data/

[9] Oxfam (2024): Inequality Inc. – How corporate power divides our world and the need for a new era of public action. Bericht und Executive Summary. https://policy-practice.oxfam.org/resources/inequality-inc-how-corporate-power-divides-our-world-and-the-need-for-a-new-era-621583/ https://www.oxfam.de/publikationen/bericht-sozialen-ungleichheit-2024-inequality-inc

[10] Oxfam (2024/2025): Presse- und Hintergrundmaterial zu Vermögenskonzentration und Finanzvermögen des reichsten 1%. U.a. Inequality Inc. – Executive Summary und begleitende Analysen. https://oi-files-d8-prod.s3.eu-west-2.amazonaws.com/s3fs-public/2024-01/Davos%202024%20Executive%20Summary%20English.pdf https://www.oxfamamerica.org/explore/research-publications/inequality-inc/ https://www.oxfam.org/en/press-releases/new-wealth-top-1-surges-over-339-trillion-2015-enough-end-poverty-22-times-over

[11] Freedom House (2024/2025): Freedom in the World 2024/2025 – Uphill Battle to Safeguard Rights. https://freedomhouse.org/report/freedom-world/2025/uphill-battle-safeguard-rights

[12] V-Dem Institute (2024/2025): Democracy Report. Langfristige Trends der Autokratisierung. https://www.v-dem.net/publications/democracy-reports/

[13] Facebook–Cambridge Analytica data scandal. Zusammenfassende Darstellung mit Quellen. https://en.wikipedia.org/wiki/Facebook%E2%80%93Cambridge_Analytica_data_scandal

[14] Wilson, E.O. (1971/2000): Arbeiten zu Sozialinsekten und „Superorganismen“, u.a. The Insect Societies. Harvard University Press.

[15] Seeley, T. (2010): Honeybee Democracy. Princeton University Press.

[16] Maynard Smith, J.; Szathmáry, E. (1995): The Major Transitions in Evolution. Oxford University Press.

[17] West, S. et al. (2015): Arbeiten zu Kooperation, Konflikt und „major transitions“, u.a. Übersichtsartikel in Current Biology und verwandten Zeitschriften.

[18] Lovelock, J.; Margulis, L.; sowie neuere Earth-System-Science-Literatur zur Gaia-Hypothese und ihren Weiterentwicklungen.

[19] Ostrom, E. (1990–2010): Arbeiten zur Governance von Allmenden, u.a. Governing the Commons und spätere Aufsätze zu polyzentrischer Governance.

[20] Fehr, E.; Gächter, S. (2002 ff.): Arbeiten zu Reziprozität und „altruistic punishment“ in Public-Goods-Experimenten.

[21] Nowak, M. A. (2006): Five Rules for the Evolution of Cooperation. Science 314(5805), 1560–1563.

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